Senegal ist eine Mischung aus Drama und Abenteuer, voller Leben und doch ein täglicher Kampf, die ärmste Region der Welt, die sehr viel zu bieten hat…
Die Stadt Tambacounda in der ich 6 Wochen verbrachte, liegt am Rand der Sahel Zone und ist mit 70 000 Einwohnern die Hauptstadt der Region. Es gibt keinen Wald, keinen Fluss, keinen See, kaum Wasser oder Bäume… und doch lässt sich etwas unbeschreiblich schönes in dieser Stadt finden, was mich unbedingt noch mal zurück gehen wollen lässt.
Das Praktikum im Krankenhaus hat der Freundeskreis Tambacounda e.V. organisiert, der in verschiedensten Bereichen in Tamba tätig ist und das Solar- und Hygiene Zentrum betreibt.
Das Krankenhaus liegt etwas außerhalb der Stadt und hat 6 Stationen: Innere, Chirurgie, Pädiatrie, Geburtenstation, Notaufnahme, Augenheilkunde.
Die verschiedenen Stationen sind in separaten Pavillons untergebracht. Der erste Eindruck ist etwas schockierend. Die Hitze und der Staub der Aschewege lassen nicht wirklich eine Krankenhausatmosphäre, wie wir sie kennen, entstehen. In den Zimmern ist es trotz den verzweifelt brummenden Ventilatoren heiß und es müffelt ein wenig. Die Kranken werden von ihren Familienangehörigen gepflegt und so campieren überall Menschen, die ihren Gebetsteppich zum Bett umfunktioniert haben.
Die erste Woche habe ich auf der Chirurgie verbracht und nach einem desolaten ersten Tag, lässt sich auf den zweiten Blick eine gewisse Ordnung erkennen.
Für jede Station gibt es einen Arzt der für alles zuständig ist. Er macht am Morgen ca. 30 Konsultationen und ist anschließend im OP, wo Krankenpfleger assistieren. Die Patienten kommen aus einem Umkreis von 200 km und neben schweren Knochenbrüchen sind Hernien sehr häufig. Es gibt keine Krankenakten und so ist ein Zettel, auf den der Arzt seine Anweisungen kritzelt und die Krankenhausrechnung alles, was an Formalitäten zu erledigen ist. Es gibt zwei OPs wo sich um eine mehr oder weniger sterile Atmosphäre bemüht wird, die aber oft aus Materialmangel nicht aufrecht zu halten ist. Es gibt ein Röntgengerät, allerdings nicht im OP und so kam es, dass am zweiten Tag das Röntgenbild von einem zwölfjährigen Mädchen, das mit einem Oberschenkelhalsbruch an meinem ersten Tag im Krankenhaus operiert wurde, etwas enttäuschend ausfiel; die Drähte, die der Chirurg „blind“ eingeführt hatte, lagen komplett am Bruch vorbei.
Leider gibt es, so wie im Rest der Stadt, auch im Krankenhaus keine Bücher, von Computern ganz abzusehen. Die Ärzte nahmen sich viel Zeit, mir alles zu erklären, auch wenn es anfangs mit dem Französisch bei mir noch nicht so gut klappte.
Anschließend verbrachte ich eine Woche auf der Inneren. Im Gegensatz zu der traurigen Wahrheit in anderen afrikanischen Ländern ist im Senegal die HIV Prävalenz (laut World fact book) mit 0,8% relativ gering und das größte Problem stellt eindeutig Malaria dar. Oft ist es allerdings schwierig die Diagnose zu stellen. Kein Wunder nachdem ich das Labor des Krankenhauses gesehen hatte und so werden die Patienten oft schon aufgrund der Symptome, die nicht gerade sehr spezifisch sind, auf Malaria hin behandelt. Wenn sich nichts bessert, dann war’s wohl nicht Malaria. Die letzten beiden Wochen verbrachte ich auf der Kinderstation. Vielleicht kam mir die Situation auf der Kinderstation nur schlimmer vor, weil es sich um Kinder handelte. Ein anderes Problem ist, dass die Eltern viel zu spät mit ihren Kindern ins Krankenhaus kommen, weil die Kinder sich nicht erklären können und wenn ihnen etwas weh tut nur schreien. Und ein schreiendes Kind in einem Dorf lässt sich leicht irgendwo hinsetzten und erst wenn es aufhört zu schreien, fangen die Eltern sich an Sorgen zu machen. Die Mehrzahl der Kinder, die neu aufgenommen wurden, befanden sich in einem komaähnlichen Zustand und hatten schon seit mehreren Wochen oder Monaten Beschwerden.
Folgende Zeilen beschreiben das in Zahlen, welche den Alltag auf der Pädiatrie bestimmten: "Jeden Monat sterben so viele Menschen an den Folgen von verschmutztem Wasser wie durch die Tsunami-Katastrophe." & "In den vergangenen zehn Jahren starben mehr Kinder an Diarrhöe, als es Opfer in bewaffneten Konflikten seit dem Zweiten Weltkrieg gab" Rudolf Seiters Präsident des DRK, FAZ 17.03.05
Durchfallerkrankungen zu vermeiden ist weniger eine Frage der Bildung, als einfach absolut impraktikabel: in Tamba gibt es nur Grundwasser, was aus Brunnen neben den Häusern kommt. Da es keine Kanalisation gibt und das gesamte Abwasser versickert, kann man sich leicht vorstellen, dass es nicht immer der nötigen Hygiene entspricht. Es ist utopisch zu denken, dass sich jeder vor dem Essen immer die Hände an dem einzigen Wasserhahn im Innenhof wäscht; der Spielplatz der Kinder ist nun mal auf der Strasse, wo es staubig ist und voller Tiere. Auf der Pädiatrie war jeder Tag hektisch oder wahrscheinlich war es nur der ganz normale Wahnsinn in einem afrikanischen Krankenhaus, in dem es einfach an allem mangelt und die Realität sich über die Wissenschaft mokiert. Ich gab mir beste Mühe, etwas von der afrikanischen Ruhe anzunehmen…
Eines der Babys ist mit einem Wasserkopf geboren worden und müsste dringend operiert werden. Diese Operation kann nur in dem 450km entfernten Dakar gemacht werden (ein allgemeines Problem der Zentralisierung, welches die gesamte Entwicklung, die im Senegal stattfindet, nur auf die Küstenregion beschränkt und das Landesinnere außen vor lässt). Der Neurologe dort hat sich bereit erklärt, die OP gratis zu machen, die Materialkosten belaufen sich letztendlich auf 300 EUR... nicht sehr viel für ein Menschenleben aber zu viel für die Eltern, die aus einem der umliegenden Dörfer kommen. Und so versucht der Arzt auf die Eltern einzureden und nach Möglichkeiten zu suchen und er sagte, man könne doch nicht da stehen und nichts tun. Der Vater verspricht sich zu bemühen das Geld aufzutreiben. Weil das Krankenhaus Tambacounda nichts mehr für diesen Patienten tun kann, wird er zurück in sein Dorf entlassen (wo die Kindersterblichkeitsrate sowieso so hoch ist und 300 EUR ein Vermögen sind), mit einem Zettel, auf der die Adresse des Arztes in Dakar steht, der aber wahrscheinlich nie von dieser Familie hören wird.
Ein anderes Kind mit Meningitis bekam nach 5 Tagen keine Antibiotika mehr, weil der Vater sie nicht mehr bezahlen konnte. So wurde es mit Fieberkrämpfen und im Koma liegend entlassen, weil der Vater sich jetzt Hilfe bei einem traditionellen Heiler erhofft… Senegal ist Teil des „Meningitis-Gürtels“ der sich von der Westküste bis zum Sudan entlang des gesamten Breitengrad erstreckt. Obwohl Meningitis eine bakterielle Erkrankung ist, gegen die ein erprobter Impfschutz besteht, ist in all diesen Länder Meningitis endemisch.
So gern ich alternativen Denkweisen Platz in meinem Leben einräumen würde, hatte ich mit dem Glauben an die traditionellen Heiler etwas Probleme.
Wenn ein Kind vergiftet wird, weil seine Eltern es zu einem traditionellen Heiler geschleppt haben oder wir ein anderes Kind wieder beleben müssen, weil es im Krankenbett neben den Eltern durch den ganzen Schmuck und Ketten um den Hals fast erwürgt wurde, dann kann ich an der afrikanischen Magie nichts "magievolles" finden.
Warum ich trotz der bedrückenden Situation im Krankenhaus jedem empfehlen würde dort ein Praktikum zu machen?
Weil das was es dort zu sehen gibt absolut real ist und den Alltag für einen Großteil der Weltbevölkerung darstellt, weil im Gegensatz zu unserem übersättigten Gesundheitssystem dort jede Hilfe gebraucht wird und man mit wenig schon sehr viel machen kann. Weil für jedes bisschen was man gibt das hundertfache zurückkommt, weil man sich selbst nach nur 4 Semestern Studium nicht nutzlos vorkommt und weil Westafrika sehr viel mehr zu bieten hat als ein Krankenhaus…
Es bedeutet mit 30 lachenden Menschen in einem Minibus über eine staubige Straße zu fahren und aus einer riesigen Schale Reis im Kreise der ganzen Familie mit Händen zu essen und Nächte lang Mbalax zu tanzen als wäre man Gelee, in Dörfern zu übernachten wo man für den Großteil der Bewohner der erste Toubab (weißer Mensch) ist den sie sehen, kleine Stände an der Straße, wo ein Kilo Mangos 30 Cent kostet, Frauen und Männer, die in farbenfrohe Stoffe verpackt sind als wären sie Geschenke, mit jedem auf der Straße ein freundliches Wort zu wechseln und aufs neue festzustellen, dass es doch heiß ist, obwohl es nicht heißer als die ganzen letzten Tage ist, Menschen die für Schwarz und Weiß scheinbar farbenblind sind und eine beispielhafte Leichtigkeit zu Leben...
Das Krankenhaus in Tamba würde gerne die Partnerschaft mit dem Freundeskreis Tambacounda ausbauen und ist bereit jederzeit wieder Praktikanten aufzunehmen. Unter www.ecoleglobale.net finden sich Infos über das Solar- und Hygienezentrum des Freundeskreises Tambacounda, das dort als Basis jeder Arbeit und als Anlaufstelle vor Ort fungiert. Die Seite des Freundeskreises Tambacounda in Hannover ist www.africa-info.de. Das Landesprüfungsamt erkennt leider keine Famulatur oder PJ dort an, da die technische Ausrüstung nicht dem westlichen Standard entspricht, aber wir lernen ja alle fürs leben, ne? Für weitere Fragen, auch zu Praktika an anderen Einrichtungen, wie Schulen oder im Solarzentrum stehen der Freundeskreis Tambacounda e.V. oder ich jederzeit zur Verfügung.
Miriam Wilms |